Emmi Pikler Konzept: Pikler Pädagogik im Alltag verstehen

Emmi Pikler Konzept: Pikler Pädagogik im Alltag verstehen

Beim Emmi Pikler Konzept geht es um weit mehr als um ein bekanntes Kletterdreieck. Im Zentrum steht die Frage, wie Kinder in ihren ersten Lebensjahren begleitet werden können, ohne ihnen Entwicklungsschritte unnötig abzunehmen. Die Pikler Pädagogik verbindet dabei Nähe und Verlässlichkeit mit der Möglichkeit, selbst aktiv zu werden.

Das bedeutet nicht, dass du dein Kind möglichst häufig allein machen lassen sollst. Vielmehr geht es darum, aufmerksam zu unterscheiden: Wo ist deine Unterstützung wirklich notwendig und wo kann dein Kind selbst Erfahrungen sammeln? Gerade beim Spielen, Bewegen und in alltäglichen Pflegesituationen wird dieser Gedanke besonders deutlich.

Was steckt hinter dem Emmi Pikler Konzept?

Kleine Kinder lernen nicht nur dann, wenn Erwachsene ihnen etwas erklären oder vormachen. Schon ein Baby beschäftigt sich aktiv mit seinem Körper und seiner Umgebung. Es bewegt Hände und Füße, dreht den Kopf, versucht nach Gegenständen zu greifen und entdeckt nach und nach immer neue Bewegungsmöglichkeiten.

Die Pikler Pädagogik nimmt diese Eigenaktivität ernst. Ein Kind wird deshalb nicht als jemand betrachtet, der möglichst viel Anleitung benötigt. Stattdessen soll es Gelegenheit erhalten, Fähigkeiten im eigenen Rhythmus aufzubauen.

Die Rolle des Erwachsenen bleibt trotzdem zentral. Du sorgst für Sicherheit, gestaltest die Umgebung und reagierst auf die Bedürfnisse deines Kindes. Gleichzeitig musst du nicht jede Beschäftigung organisieren oder den nächsten Entwicklungsschritt beschleunigen.

Gerade diese Balance ist entscheidend. Ein Kind braucht weder permanente Anleitung noch grenzenlose Freiheit. Es braucht einen verlässlichen Rahmen, innerhalb dessen es selbst tätig werden kann.

Grundgedanke der Pikler Pädagogik: Entwicklung entsteht nicht nur durch Förderung von außen. Kinder brauchen ebenso Zeit und Raum, damit sie eigene Bewegungen, Ideen und Lösungswege entwickeln können.

Emmi Pikler: Die Person hinter der Pädagogik

Emmi Pikler wurde 1902 in Wien geboren und schlug eine medizinische Laufbahn ein. Als Kinderärztin beschäftigte sie sich intensiv mit der frühen Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern. Später lebte und arbeitete sie vor allem in Ungarn.

Eine wichtige Grundlage ihrer Arbeit waren genaue Beobachtungen von Kindern. Pikler interessierte sich insbesondere dafür, wie sich Bewegungsfähigkeiten entwickeln, wenn Erwachsene nicht ständig eingreifen oder bestimmte Positionen vorgeben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete sie in Budapest ein Säuglingsheim in der Lóczy-Straße. Dort lebten Kinder, die nicht in ihren eigenen Familien betreut werden konnten. Unter diesen besonderen Bedingungen wurde die Frage besonders wichtig, wie stabile Beziehungen zwischen Kindern und ihren Betreuungspersonen entstehen können.

Pflege, Bewegung und Spiel wurden deshalb bewusst gestaltet. Kinder sollten während der Versorgung persönliche Zuwendung erfahren und darüber hinaus ausreichend Zeit für selbstständige Aktivitäten haben.

Viele Gedanken, die heute unter dem Begriff Emmi Pikler Konzept zusammengefasst werden, entwickelten sich aus diesen Beobachtungen und Erfahrungen.

Warum Selbstständigkeit bei Pikler nicht Alleinsein bedeutet

Der Begriff Selbstständigkeit kann leicht missverstanden werden. Ein kleines Kind soll nach Pikler nicht möglichst früh lernen, ohne Erwachsene auszukommen.

Im Gegenteil: Eine zuverlässige Beziehung schafft überhaupt erst die Voraussetzungen dafür, dass ein Kind seine Umgebung neugierig erkunden kann. Wenn es erlebt, dass eine vertraute Person erreichbar ist und auf seine Bedürfnisse reagiert, kann es sich leichter anderen Dingen zuwenden.

Das zeigt sich beispielsweise beim freien Spiel. Dein Kind kann sich mit einem Gegenstand beschäftigen, während du in der Nähe bist. Es braucht nicht unbedingt deine aktive Beteiligung, weiß aber dennoch, dass du verfügbar bist.

Eigenständigkeit und Bindung schließen sich nicht aus. Sie können sich gegenseitig unterstützen.

Beziehungsvolle Pflege als wichtiger Teil der Pikler Pädagogik

Wickeln, Anziehen, Waschen oder Füttern gehören zu den alltäglichsten Aufgaben mit einem kleinen Kind. Im Pikler Konzept bekommen gerade diese Situationen einen besonderen Stellenwert.

Statt Pflege nur als praktische Versorgung zu betrachten, wird sie als Gelegenheit für intensive Beziehung verstanden. Während des Wickelns richtet sich deine Aufmerksamkeit direkt auf dein Kind. Du kannst seine Reaktionen wahrnehmen, auf Blickkontakt eingehen und ihm ankündigen, was als Nächstes geschieht.

Wenn du beispielsweise eine Hose ausziehen möchtest, kannst du dies vorher sagen. Beim Hochheben kannst du kurz Kontakt aufnehmen, bevor du dein Kind bewegst. Solche kleinen Ankündigungen machen Abläufe vorhersehbarer.

Mit zunehmendem Alter kann das Kind immer aktiver teilnehmen. Vielleicht hebt es selbst einen Fuß, hält einen Ärmel fest oder versucht, einen Arm durch die Kleidung zu schieben.

Diese Beteiligung muss nicht eingefordert werden. Entscheidend ist, dass du Gelegenheiten für Mitarbeit erkennst und nicht automatisch jeden Handgriff übernimmst.

Natürlich gibt es auch Tage, an denen dafür wenig Zeit bleibt. Ein respektvoller Umgang hängt nicht davon ab, jede Pflegesituation vollkommen ruhig und nach einem festen Schema zu gestalten. Viel wichtiger ist die grundsätzliche Haltung gegenüber dem Kind.

Freie Bewegungsentwicklung nach Emmi Pikler

Besonders bekannt ist die Pikler Pädagogik für ihre Sicht auf die motorische Entwicklung. Dabei geht es um die Vorstellung, dass Kinder grundlegende Bewegungsabläufe weitgehend selbst entwickeln können, sofern sie dafür passende Bedingungen erhalten.

Ein Baby wird aus dieser Perspektive möglichst nicht regelmäßig in Körperpositionen gebracht, die es selbst noch nicht einnehmen kann. Wenn ein Kind noch nicht eigenständig sitzt, muss es das Sitzen beispielsweise nicht durch häufiges Hinsetzen üben.

Der Hintergrund ist einfach: Auf dem Weg zu einer neuen Position entwickelt ein Kind viele wichtige Fähigkeiten. Es lernt, sich abzustützen, das Gewicht zu verlagern und unterschiedliche Bewegungen miteinander zu koordinieren.

Der sichtbare Entwicklungsschritt – etwa das Sitzen, Stehen oder Laufen – ist deshalb nur ein Teil des gesamten Lernprozesses.

Auch die Zwischenstufen haben einen eigenen Wert.

Das lässt sich gut beim Klettern beobachten. Vielleicht schafft dein Kind zunächst nur eine einzige Sprosse. Nach einiger Zeit steigt es zwei Sprossen höher und wieder zurück. Erst später wagt es sich bis an die Spitze eines Kletterdreiecks.

Aus Sicht des Kindes sind all diese Schritte echte Fortschritte. Das Erreichen der höchsten Stelle ist nicht automatisch wichtiger als der sichere Weg dorthin.

Für die Bewegungsbegleitung gilt: Lass dein Kind möglichst selbst herausfinden, wie es eine Position erreicht und wieder verlässt. Hebe es nicht auf ein Klettergerät oder eine Höhe, die es aus eigener Kraft noch nicht bewältigen kann.

Warum eigene Lösungswege so wertvoll sind

Wenn Erwachsene sehen, dass sich ein Kind mit einer Aufgabe schwertut, entsteht schnell der Wunsch zu helfen. Oft wissen wir bereits, welche Bewegung oder welcher Handgriff zum Ziel führen würde.

Für das Kind liegt der Lernprozess jedoch häufig genau darin, diese Lösung noch nicht zu kennen.

Stell dir vor, dein Kind möchte einen Ball aus einer Kiste holen. Der Ball liegt so tief, dass es ihn zunächst nicht erreicht. Du könntest ihn sofort herausnehmen. Wartest du dagegen etwas ab, verändert dein Kind vielleicht seine Körperhaltung, kippt den Behälter oder sucht eine andere Möglichkeit.

Dadurch lernt es mehr als nur, wie es an den Ball gelangt. Es erlebt: Wenn etwas nicht sofort funktioniert, kann ich etwas verändern und erneut versuchen.

Das heißt nicht, dass du Hilfe grundsätzlich verweigern solltest. Wenn dein Kind deutlich um Unterstützung bittet oder eine Situation es überfordert, gehört Hilfe zu einer verlässlichen Beziehung.

Die entscheidende Frage lautet nicht: „Darf ich helfen?“ Sondern vielmehr: „Braucht mein Kind gerade tatsächlich Hilfe?“

Freies Spiel: Weniger Anleitung, mehr eigene Ideen

Auch beim Spiel setzt die Pikler Pädagogik stark auf Eigeninitiative. Kleine Kinder müssen nicht ständig von Erwachsenen beschäftigt werden. Schon früh können sie aus eigenem Interesse heraus Tätigkeiten entwickeln.

Ein Baby untersucht vielleicht minutenlang einen einfachen Ring. Später interessiert es sich dafür, Gegenstände in eine Schale zu legen und wieder herauszunehmen. Noch später wird dieselbe Schale möglicherweise zum Kochtopf in einem Fantasiespiel.

Solche Veränderungen zeigen, warum einfache Materialien häufig lange interessant bleiben.

Spielzeug, das nur auf eine bestimmte Weise benutzt werden kann, gibt dem Kind einen engen Rahmen vor. Offene Materialien lassen dagegen unterschiedliche Handlungen zu.

Geeignet können beispielsweise größere Ringe, Tücher, Bälle, stabile Becher, Körbe, Schalen oder stapelbare Gegenstände sein. Was sinnvoll ist, hängt immer vom Alter und Entwicklungsstand des Kindes ab.

Bei Babys und jüngeren Kleinkindern steht selbstverständlich die Sicherheit an erster Stelle. Gegenstände dürfen nicht verschluckbar sein, keine scharfen Kanten aufweisen und keine leicht lösbaren Kleinteile besitzen.

Welche Aufgabe hast du beim freien Spiel?

Freies Spiel bedeutet nicht, dass du dein Kind einfach alleine lässt. Du bist weiterhin anwesend, ansprechbar und für die Gestaltung der Umgebung verantwortlich.

Deine Rolle verändert sich jedoch. Statt ständig neue Aufgaben vorzuschlagen, kannst du zunächst beobachten.

Was interessiert dein Kind gerade? Möchte es Dinge stapeln? Transportiert es Gegenstände von einem Ort zum anderen? Versteckt es Dinge? Versucht es immer wieder, etwas durch eine Öffnung zu stecken?

Solche Beobachtungen verraten viel darüber, womit es sich aktuell beschäftigt.

Du kannst anschließend passende Materialien anbieten, ohne eine bestimmte Spielweise vorzuschreiben. Ein Kind, das gerade begeistert Gegenstände transportiert, braucht vielleicht keine neue Lernaufgabe. Einige unterschiedliche Behälter können bereits ausreichen.

Gemeinsames Spielen hat selbstverständlich ebenfalls seinen Platz. Es geht nicht darum, Interaktion zu vermeiden, sondern dem Kind zusätzlich Zeit für eigene Spielideen zu lassen.

Das Kletterdreieck im Pikler Konzept

Das Kletterdreieck ist inzwischen wesentlich bekannter als viele andere Elemente der Pikler Pädagogik. Sein Aufbau ist vergleichsweise einfach: Zwei Sprossenseiten treffen in einem Winkel aufeinander und bilden eine stabile Kletterfläche.

Gerade diese einfache Konstruktion bietet Kindern verschiedene Möglichkeiten.

Ein jüngeres Kind nutzt möglicherweise zunächst nur die unteren Sprossen zum Hochziehen. Später setzt es einen Fuß auf die erste Sprosse, verlagert das Gewicht und steigt wieder herunter. Nach und nach können weitere Höhen hinzukommen.

Das Spannende daran ist nicht allein das Klettern selbst. Ein Kind muss ständig Entscheidungen treffen. Welche Hand greift wohin? Welcher Fuß ist als Nächstes dran? Kann ich mich weiter nach oben bewegen oder möchte ich lieber zurück?

Dabei werden Kraft, Koordination und Gleichgewicht miteinander verbunden.

Du musst deinem Kind diese Bewegungsfolge normalerweise nicht vormachen. Wenn das Gerät zum Entwicklungsstand passt und sicher aufgebaut ist, kann es seinen eigenen Weg finden.

Warum du dein Kind nicht auf das Kletterdreieck setzen solltest

Aus Erwachsenensicht ist es verlockend, einem Kind zu zeigen, was mit einem Klettergerät alles möglich ist. Vielleicht hebst du es auf die mittlere Sprosse oder setzt es oben auf das Dreieck.

Damit entsteht jedoch eine Situation, die dein Kind selbst noch nicht erreichen konnte. Möglicherweise fehlt ihm deshalb auch die Erfahrung, wie es aus dieser Position wieder sicher zurückkommt.

Beim selbstständigen Klettern entwickelt sich dagegen nicht nur der Weg nach oben. Das Kind übt gleichzeitig immer wieder den Rückweg.

Hinaufkommen und wieder herunterkommen gehören zusammen.

Deshalb ist es sinnvoll, die jeweils erreichbare Höhe zunächst vom Kind selbst bestimmen zu lassen.

Der Kletterbogen als Alternative oder Ergänzung

Ein weiteres verbreitetes Bewegungsgerät ist der Kletterbogen. Im Gegensatz zum Dreieck verändert sich durch seine Rundung die Neigung fortlaufend.

Das stellt Kinder vor andere Bewegungsaufgaben. Während des Kletterns müssen sie ihre Körperhaltung immer wieder anpassen und neu entscheiden, wo Hände und Füße Halt finden.

Einige Modelle können umgedreht als Wippe genutzt werden. Teilweise sind außerdem passende Einlagen erhältlich, durch die aus dem Bogen ein Ruhe- oder Rückzugsort entstehen kann.

Hier solltest du allerdings genau auf die vorgesehene Verwendung des jeweiligen Kletterbogens achten. Ein bewegliches Gerät birgt andere Risiken als ein feststehendes Kletterelement. Insbesondere mögliche Quetschstellen und die Stabilität spielen eine wichtige Rolle.

Rampen, Bretter und niedrige Podeste

Nicht jede Bewegungsherausforderung muss hoch sein. Gerade für jüngere Kinder können kleine Höhenunterschiede ausgesprochen interessant sein.

Ein niedriges Podest lädt beispielsweise dazu ein, hinaufzugelangen und einen Weg zurück auf den Boden zu finden. Eine Rampe verändert durch ihre Neigung die Anforderungen an Gleichgewicht und Kraft.

Ein geeignetes Brett kann außerdem mit einem Kletterdreieck kombiniert werden. Je nach Ausführung lässt es sich als Kletterrampe oder Rutschfläche nutzen.

Später kann dasselbe Element Bestandteil des freien Spiels werden. Kinder lassen Bälle oder andere Gegenstände hinunterrollen, bauen Wege oder integrieren die Rampe in Fantasiespiele.

Damit zeigt sich ein Grundgedanke guter Spiel- und Bewegungsmaterialien: Sie wachsen nicht unbedingt körperlich mit, können aber mit zunehmenden Fähigkeiten immer wieder anders genutzt werden.

Was bei Klettermöbeln wichtig ist

Ein Klettergerät soll Bewegungsfreiheit ermöglichen. Dafür muss der äußere Rahmen zuverlässig sein.

Achte deshalb auf einen sicheren Stand und eine stabile Konstruktion. Verbindungen dürfen sich während der Nutzung nicht lösen. Bei klappbaren Kletterdreiecken muss eine zuverlässige Sicherung verhindern, dass das Gerät unbeabsichtigt zusammenklappt.

Auch die Verarbeitung der Oberfläche ist wichtig. Holz sollte glatt gearbeitet sein, damit keine Splitter oder scharfen Stellen entstehen.

Zusätzlich spielt der Standort eine Rolle. Rund um das Gerät sollte ausreichend Platz vorhanden sein. Harte Möbelkanten, Heizkörper oder andere Hindernisse unmittelbar daneben erhöhen unnötig das Verletzungsrisiko.

Freiheit braucht Sicherheit: Das Kind entscheidet möglichst selbst, wie es ein geeignetes Klettergerät nutzt. Erwachsene bleiben jedoch dafür verantwortlich, dass Konstruktion, Umgebung und Schwierigkeitsgrad einen angemessenen Rahmen bieten.

Weitere Grundsätze der Pikler Pädagogik im Alltag

Viele Gedanken aus dem Emmi Pikler Konzept lassen sich unabhängig von Klettergeräten oder Spielmaterialien im normalen Familienleben anwenden.

Eine gewisse Vorhersehbarkeit gibt Sicherheit. Wenn wiederkehrende Situationen ähnlich ablaufen, können kleine Kinder leichter verstehen, was als Nächstes passiert. Besonders beim Schlafengehen, Essen oder Wickeln können vertraute Abläufe Orientierung schaffen.

Ankündigungen helfen dem Kind, sich auf Veränderungen einzustellen. Statt dein Kind plötzlich aus seinem Spiel hochzuheben, kannst du ihm kurz sagen, was du vorhast. Mit zunehmendem Alter bekommt es dadurch vielleicht sogar die Gelegenheit, eine Tätigkeit selbst zu beenden.

Zeit verändert viele Situationen. Erwachsene helfen häufig nicht deshalb so schnell, weil ein Kind wirklich Unterstützung benötigt, sondern weil es schneller geht. Wenn der Alltag es zulässt, kann etwas mehr Zeit erstaunlich viel Selbstständigkeit ermöglichen.

Grenzen widersprechen der Pikler Pädagogik nicht. Kinder brauchen einen klaren Rahmen. Ein Kleinkind darf nicht selbst entscheiden, ob eine gefährliche Handlung erlaubt ist. Verantwortung für Sicherheit bleibt beim Erwachsenen.

Eine Grenze kann trotzdem respektvoll gesetzt werden. Du kannst verstehen, warum dein Kind auf ein ungeeignetes Möbelstück klettern möchte, und es dennoch daran hindern.

Lob und Sprache: Muss immer alles „super“ sein?

Kinder suchen die Reaktion ihrer Bezugspersonen. Wenn dein Kind etwas Neues schafft und dich freudig anschaut, wirst du vermutlich automatisch reagieren. Das ist völlig natürlich.

Die Pikler-orientierte Sicht lädt lediglich dazu ein, darüber nachzudenken, ob jede Handlung sofort bewertet werden muss.

Statt nach jeder Bewegung „Super!“ zu sagen, kannst du manchmal beschreiben, was du beobachtet hast: „Du hast den Fuß ganz allein auf die nächste Sprosse gestellt.“

Eine solche Rückmeldung zeigt Aufmerksamkeit, ohne das Erlebte sofort in eine Leistung umzuwandeln.

Das Ziel ist nicht, Lob aus dem Familienalltag zu verbannen. Vielmehr darf ein Kind auch erleben, dass die eigene Freude über eine gelungene Handlung wertvoll ist, selbst wenn niemand sie bewertet.

Wo liegen die Grenzen der Pikler Pädagogik?

Das Emmi Pikler Konzept kann eine hilfreiche Orientierung sein. Problematisch wird es, wenn aus einzelnen Gedanken starre Regeln entstehen.

Ein Beispiel betrifft die Bewegungsentwicklung. Der Gedanke, dem Kind keine Positionen vorwegzunehmen, darf nicht bedeuten, notwendige Unterstützung grundsätzlich abzulehnen.

Kinder haben unterschiedliche Voraussetzungen. Bei motorischen Auffälligkeiten, Erkrankungen, Behinderungen oder anderen besonderen Entwicklungsbedingungen können gezielte Hilfen sinnvoll und notwendig sein. Pädagogische Grundsätze ersetzen keine medizinische oder therapeutische Einschätzung.

Auch selbstständiges Spiel darf nicht so verstanden werden, dass Kinder möglichst wenig Aufmerksamkeit bekommen sollten. Sie brauchen Beziehung, gemeinsame Erlebnisse und Interaktion. Freies Spiel ist eine Ergänzung dazu und kein Ersatz.

Kritisch betrachten solltest du zudem die heutige Verwendung des Begriffs „Pikler“. Viele Klettergeräte und Spielzeuge werden mit dieser Bezeichnung verbunden. Nicht jedes Produkt entspricht deshalb automatisch einem bestimmten pädagogischen Original oder ist für jedes Kind geeignet.

Dasselbe gilt für Kombinationen wie „Montessori Pikler“. Die Montessori Pädagogik und die Pikler Pädagogik sind unterschiedliche Ansätze, auch wenn es Überschneidungen bei Themen wie Selbsttätigkeit und vorbereiteter Umgebung gibt.

Pikler Pädagogik ohne Perfektionsdruck

Manche pädagogischen Ideen werden im Alltag schnell zu einer neuen Liste von Anforderungen. Dann entsteht das Gefühl, niemals zu früh helfen, niemals falsch loben und jede Pflegesituation besonders achtsam durchführen zu müssen.

Damit wäre wenig gewonnen.

Kein Familienalltag funktioniert ständig nach pädagogischem Ideal. Manchmal musst du dein Kind schnell anziehen. Manchmal greifst du früher ein, als es vielleicht notwendig gewesen wäre. Und manchmal spielt ihr gemeinsam auf eine Weise, die vollständig von dir initiiert wurde.

Entscheidend ist nicht die einzelne Situation, sondern die grundsätzliche Richtung.

Frag dich gelegentlich: Übernehme ich gerade etwas, das mein Kind selbst versuchen könnte? Oder: Braucht mein Kind jetzt tatsächlich meine Hilfe?

Schon diese beiden Fragen können den Blick auf viele Alltagssituationen verändern.

Was bleibt vom Emmi Pikler Konzept?

Die vielleicht wichtigste Idee der Pikler Pädagogik ist das Vertrauen in die Eigenaktivität des Kindes. Kinder wollen ihre Umwelt verstehen. Sie möchten sich bewegen, Gegenstände untersuchen und zunehmend selbst handeln.

Erwachsene müssen dafür nicht verschwinden. Sie schaffen die Voraussetzungen, geben Sicherheit und stehen als verlässliche Beziehungspartner zur Verfügung.

Beim Klettern kann das bedeuten, aufmerksam daneben zu bleiben, ohne jeden Tritt vorzugeben. Beim Spielen kann es heißen, Material bereitzustellen, ohne sofort eine Spielidee daraus zu machen. Bei der Pflege bedeutet es, das Kind so weit wie möglich einzubeziehen.

So entsteht ein Zusammenspiel aus Nähe, Sicherheit und eigenständiger Erfahrung. Genau darin liegt ein zentraler Gedanke des Emmi Pikler Konzepts: Ein Kind darf erleben, dass jemand zuverlässig für es da ist – und gleichzeitig entdecken, was es bereits selbst bewirken kann.

FAQ zum Emmi Pikler Konzept

Was bedeutet Pikler Pädagogik?
Die Pikler Pädagogik verbindet respektvolle Beziehung, freie Bewegungsentwicklung und selbstständiges Spiel und orientiert sich stark an der Eigenaktivität des Kindes.
Was ist beim Emmi Pikler Konzept besonders wichtig?
Wichtig ist, Kindern einen sicheren Rahmen zu geben und ihnen innerhalb dieses Rahmens Zeit für eigene Bewegungen, Spielideen und Lösungswege zu lassen.
Ab welchem Alter kann ein Kletterdreieck genutzt werden?
Entscheidend ist weniger ein festes Alter als der individuelle Entwicklungsstand sowie die sichere und bestimmungsgemäße Nutzung des jeweiligen Kletterdreiecks.
Darf man einem Kind nach Pikler helfen?
Ja. Hilfe gehört selbstverständlich dazu, wenn das Kind sie benötigt. Vermeidbar ist vor allem Unterstützung, die einen Entwicklungsschritt unnötig vorwegnimmt.
Sind Pikler Pädagogik und Montessori Pädagogik dasselbe?
Nein. Es handelt sich um unterschiedliche pädagogische Ansätze, auch wenn beide der selbstständigen Aktivität des Kindes eine wichtige Bedeutung geben.